Wie das Moorhuhn fliegen lernte ...

Das Moorhuhn ist eigentlich ein "Funky Chicken" von Graupner.

Ich hatte damals (Mitte 2004) auf unseren Modellflugplatz eines fliegen sehen und war von dem Flugbild schon ziemlich angetan. In der Dämmerung kam es meinem schon zehn Jahre vorbereiteten und nie gebauten Flugsaurier ziemlich nahe.

Also habe ich mir der Faulheit wegen ein fast fertig gebautes Expemlar besorgt. Hier ist nun die launisch geschriebene Geschichte, wie alles schief ging .

29.7.2004
Seit gestern bin ich stolzer Besitzer eines Moorhuhns. Das ist ein "Funky Chicken" von Graupner. Ich habe es bei ebay als fast fertiges Modell mit einer wunderschönen Airbrush-Lackierung und allem Zubehör erworben. Wenige Tage nach der Auktion traf es gestern bei mir ein.
Also : auspacken, Akku ans Ladegerät, fertig bauen. Die beiligenden C341-Servos habe ich dann doch nicht benutzt, Servos in Standardgröße (Hitec 325) passen ohne weitere Befestigung direkt. Ein R700-Empfänger lag auch noch herum. Servohebel und Gestänge anpassen, alle Kabel ordentlich verlegen, Akku neu einschrumpfen - und dann ab dafür (jetzt ist es kurz nach 20 Uhr).

Auf dem Flugplatz abends um halb neun stellt sich heraus, die Gestänge verhakeln sich etwas. Das Problem ist dank eines Schraubendrehers des letzten anwesenden Fliegerkollegen in wenigen Minuten gelöst. Schwerpunkt passt, Motor läuft - also auf zum ersten Flug! Mist - Höhe und Seite auf dem rechten Knüppel und Werfen mit rechts - das geht bestimmt schief!
Aber besagter Kollege übernimmt das Werfen. Das Moorhuhn geht wunderschön. Steigflug mit ca. 30 Grad, leichte Rechtskurve, also korrigieren. Upps - die Kurve wird immer heftiger, jetzt gehts Richtung Boden - noch mehr Links, ziehen, den Motor habe ich längst vergessen ...

Einschlag ...

Also sammeln wir erstmal die Teile ein, jedes kleinste Krümel wird zusammengesucht! Später ziehe ich Bilanz : Offene Fraktur des rechten Flügels, schweres Schädel-Hirn-Trauma, Trümmerbruch des Schnabels, vollständige Fraktur des Halses und leichte innere Verletzungen.
Was war passiert??? Na ja, eigene Blödheit - ich habe alles kontrolliert, bloß die Richtung des Seitenruders nicht - und das lief verkehrt herum.

Sch... !!!

Wir lassen den Abend dann mit Gesprächen über andere Themen ausklingen . . .

Nachts an der Werkbank untersuche ich die Trümmer - es ist halb so wild. Alle Teile sind vorhanden, es ist fast "nur" Styropor gebrochen. Flügel und Hals werde ich mit Epoxy kleben, die anderen Sachen mit Weißleim. Und neue Gestänge gibts auch noch, die alten sind nicht so toll.

Was lernen wir daraus? Beim Modellfliegen mache man nicht "noch schnell" was fertig, damit man noch zum Fliegen kommt! Hier ist kontrollieren und nochmals kontrollieren nie falsch.
Ich bin nur froh, dass es das Moorhuhn erwischt hat, der Schaden kostet außer Arbeit praktisch nichts. Wäre es die Pitts gewesen, hätte ein Monatsgehalt wohl nicht gereicht.

1.8.2004
Inzwischen ist das Moorhuhn auf der Krankenstation. Schnabel und Flügel sind bereits kuriert, aber der Hals macht noch Probleme.

Er ist wohl nicht nur gebrochen, sondern auch noch gestaucht. Ich muß am Ende wohl etwas Styropor zusätzlich einbauen, damit der Motor wieder gerade zieht.

2.8.2004
Aufgrund der Schwere der Verletzung musste ich die Kiefer mit zwei Kohlefaserröhrchen versteifen. Die Schlitze sind vorsichtig mit dem Lötkolben eingeschmolzen.

Und wie erwartet war eine Schönheitsoperation des Schnabels (zur Verlängerung) nötig. Jetzt leidet das Huhn unter akuter Streifenblässe des unteren Schnabels. Soweit ich weiß, kommt diese Krankheit nur bei freifliegenden Moorhühnern vor, als Folge eines Absturzes aus mittlerer Höhe. Die einzige Behandlungsmethode besteht in der Verabreichung einer ausreichenden Menge gelber Plakafarbe. Achtung - diese Behandlung ist nicht erforscht und sollte daher nur im äussersten Notfall und nur an Moorhühnern angewandt werden!

Mittlerweile befindet sich das Moorhuhn auf dem Wege der Genesung, die versteiften Kiefer müssen noch ausheilen (aushärten) und die Schnabelfarbe wieder hergestellt werden. Dann steht dem nächsten Flug nur noch ein leerer Akku im Wege.

Vorher sollte aber unbedingt die folgende Prozedur beachtet werden :

9.8.2004

Vor vier Tagen habe ich das Moorhuhn das erste Mal erfolgreich seinem Element übergeben. Nach einem peniblen Rudercheck ging es mit weichen Knien auf die Platzmitte. Da ich an diesem Abend selbst starten musste, kam also das Huhn in die linke Hand, die rechte Hand gab Vollgas und kam dann an den rechten Knüppel für Seiten- und Höhenruder.
Und dann ein (vielleicht zu zaghafter) Schubs - uiiiih, das Ding fliegt ja ohne Steuern! Als es dann doch abbog, natürlich wieder den falschen Knüppel bedient. Aber wenn das Moohrhuhn einmal gut fliegt, hat man recht viel Zeit zum Überlegen, was man als nächstes tun muß.
Die erste Kurve war dann doch etwas wackelig - ich bin halt einen FunFlyer mit "knackigen" Reaktionen gewöhnt. Also - sanft, aber manchmal doch recht großzügig steuern, und das Huhn fliegt fast wie von selbst. Aber der Schwerpunkt war wohl etwas zu weit vorn, ganz ohne Gas ging es schnell über die Nase - sorry, den Schnabel - abwärts.
Nach einer viertel Stunde wurde es dann schon fast zu dämmrig für die erste Landung - also herunter mit dem Vieh! Beim ersten Anflug musste ich dann doch noch mal durchstarten - der FunFlyer ließ wieder grüßen, die Querruder gibts hier halt nicht. Der zweite Anflug war gut. Nur das Grasbüschel mitten auf der Piste führte zu einem herausgerissenen Kehllappen. Aber das stand ja schon in der Bauanleitung.
Alles in allem - ein Genuß für den späten Feierabend.

Am nächsten Tag sollten auch die Vereinskameraden in den Genuß kommen. Trotz Wind wollte ich den Versuch wagen. Der Akku lag etwas weiter hinten, der Schwerpunkt vielleicht einen halben Zentimeter zu weit zurück - unkritisch - dachte ich.
Also raus mit dem Huhn übers freie Feld, gegen den Wind. Puh, der Schwerpunkt ist deutlich zu weit hinten, das Vieh ist giftig wie von einer Wespe gestochen. Ich vermute, der Akku ist beim Werfen noch weiter zurück gerutscht. Dann gehts in den Wind ...
Das wars mit kontrolliertem Flug. Schließlich verschwindet das Huhn hinter einem Baum, ich sehe es durch die Blätter noch dem Boden entgegen taumeln. Ein dumpfer Schlag - Schluß. Und keiner hat's gesehen ...
Die Diagnose nach der Bergung : gebrochener Flügel, diesmal links, und Trümmerbruch des Halses. Aber alle Verstärkungen und Klebungen haben gehalten. Es ist wieder nur Styropor und ein Holzbrettchen zerstört, sogar der Propeller ist noch ganz - dem hohen Gras sei Dank.

Mittlerweile ist der Flügel schon wieder fit, der Rest folgt wohl morgen ...

15.3.2007
Das Moorhuhn ("Funky Chicken") ist wohl bei Graupner nicht mehr lieferbar. Aber im Online-Shop findet man es noch. Da kann man sich auch die Anleitung als PDF-Datei herunterladen.

Bei meinem Freund ist leider Schnabel so schief, dass der Motor nach rechts oben zieht. Fliegen kann man deshalb durchaus vergessen. Hier muss ich mit Gewalt dran, den Schnabel nochmals brechen und dann unter Beachtung von Motorzug und -sturz wieder herrichten.

Auch bei Hühnern sind also manchmal Schönheitsoperationen notwendig .

25.3.2007
Ich habe mich endlich um das seltsame Flugverhalten des Huhn gekümmert. Es liegt doch nicht am Schnabel, wie ein Vergleich mit einem frisch geschlüpften Exemplar schnell gezeigt hat.

Der Sturz beträgt ca. 2°, kein Zug.
Das Problem liegt weiter hinten, im Hals des Huhns. Da alle orthopädischen Maßnahmen nicht fruchten, muss ich dem Huhn den Kopf abschneiden! Dann noch einen Keil zusätzlich weg, das Holz der Verstärkungen entsprechend zurechtgefeilt und hoffen, dass das Huhn zäh ist.

Schließlich wird der Kopf probehalber an den Rumpf gehalten und der Winkel mit dem neuen Expemplar verglichen - es passt so ungefähr. Jedenfalls viiel besser als vorher.
Also Verbandszeug (Kreppband) bereitgelegt und 5-Minuten-Epoxy angerührt, die Schnittstelle gut eingeschmiert und wieder drauf mit dem Kopf. Jetzt fixieren und die übrigbleibenden Lücken mit Expoy aufgefüllt. Die Holzverstärkung ist mit Glasmatte und Sekundenkleber auch wieder fest.

Beim Abnehmen des Verbands hat das Moorhuhn leider etwas Feder (Farbe) lassen müssen, aber sonst sieht die Sache gut aus. Der Akku hat inzwischen auch einige Ladezyklen hinter sich. Jetzt warte ich nur noch auf besseres Wetter (trocken und wenig Wind - soll ja bald kommen ). Bis dahin nimmt das Moorhuhn wieder seinen Stammplatz an der Decke des Arbeitszimmers ein.

28.2.2008
Die Flugversuche sind leider sehr schlecht ausgefallen - von Fliegen konnte eigentlich nicht die Rede sein. Sofort nach dem Start gings Richtung Boden, aber nur mit laufendem Motor. Und ohne Motor fliegt mein Moorhuhn wie die berühmte "Bleiente", nämlich garnicht.
Der Verdacht liegt nahe, dass der Motor zuviel Sturz hat, da machen ja ein oder zwei Grad schon viel aus.
Also habe ich nochmal den neuen Baukasten bemüht und einen Speed 400 in dessen Schnabel eingesetzt. Im Vergleich - bei möglichst gleicher Ausrichtung von Fläche und Schwanz - hat der Motor tatsächlich sichtbar mehr Sturz als im neuen Rumpf.
Ich habe nun den Schnabel von unten quer aufgesägt und etwas Pappe in den Schlitz geschoben - bis beide Motorachsen in etwa parallel verlaufen. Das Ganze mit Holzleim festgeklebt - jetzt bin ich auf die nächsten Flüge gespannt. Vorher muss allerdings noch der "Bart" weg, eine Bremse am Schnabel bringt jedes Moorhuhn zum Absturz!

27.7.2008
Das Moorhuhn ist tot!
Trotz günstigem Wetter - es hat nicht geklappt. Die "Flüge" waren kurz und kaum zu steuern. Das Moorhuhn war einfach zu langsam und zu schwer. Es ging schneller zu Boden als mir eine wirkungsvolle Steuerung möglich gewesen wäre. Beim zweiten Versuch ist der Hals schon angebrochen, beim dritten war der Kopf ab.
Moorhuhn - R.I.P.

Was lernen wir daraus?

Aber auf dem Speicher liegt ja noch ein neuer Baukasten von Graupner - vielleicht baue ich mir ja doch wieder ein Moorhuhn ...

23.12.2017<
Der Baukasten liegt immernoch unangetastet auf dem Speicher. Aber der Winter ist ja noch lang ...

© Uwe Jantzen 15.7.2018